Hermeneutik als wissenschaftlicher Zugang zur Psychotherapie


  • Datum

  • Uhrzeit

    Uhr
  • Kategorie

    Vortrag
  • ReferentIn

    Prof. Dr. Hans-Joachim Hannich

    Psychologischer Psychotherapeut, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Greifswald


Ausgangspunkt der Ausführungen ist das spezifische Theorie-Praxis-Verhältnis der Psychotherapie. Daraus folgt, dass aus der wissenschaftlichen Psychotherapieforschung gewonnene Erkenntnisse erst aufgrund ihres Beitrages zu einer gelingenden Praxis ihren klinisch-praktischen Wert gewinnen. Anders als die Erprobung in der Forschung ist die klinische Umsetzung jedoch durch hohe Stör- und Fehleranfälligkeit gekennzeichnet. Sie resultieren daraus, dass der Patient als Einzelfall in Erscheinung tritt und als solcher den statistischen Vorhersagen der Wissenschaft folgen kann, aber nicht muss.

Daraus entsteht in der Praxis eine Unwägbarkeit des Handelns, sofern es auf den Einzelfall bezogen ist. Diese Unsicherheit im Einzelfall-Vorgehen prägt das therapeutische Handeln unabhängig von seinem theoretischen Hintergrund. Um ihr professionell zu begegnen, ist eine Ausrichtung erforderlich, die wissenschaftliche Reflexion (auf das Regelhafte) und einzelfallbezogene Intuition (auf das Besondere) gleichermaßen bereitstellt.

Der hermeneutische Zugang wird als Modell für die Psychotherapie-Praxis vorgestellt, das dem genannten Anspruch entgegenkommt. Es verbindet die wissensbasierte Einstellung mit der Akzeptanz der möglichen Unzutreffendheit eben dieses Wissens auf den Einzelfall. Aus diesem scheinbaren Widerspruch vollzieht sich die „innere Arbeit“ des Therapeuten, die aus hermeneutischer Sicht gekennzeichnet ist durch die Fähigkeit zum „abwägenden Verstehen“, zum „Aushalten von Widersprüchlichkeiten“ und zum „In-der-Schwebe-Halten von Wissen und Nicht-Wissen“.

Die entsprechende therapeutische Haltung ist die des „Sowohl-Als Auch“ als Ausdruck des vorwärts tastenden Versuch, die Lebenswirklichkeit des anderen zu erfassen und passend darauf zu antworten.

Zielgruppe

Der Beitrag ist für Anfänger und Berufserfahrene geeignet.