S3-Leitlinie „Crystal Meth (CM)“: Substanz, Wirkungen, Folgen, Epidemiologie, Suchtpotenzial und evidenzbasierte Interventionsmöglichkeiten


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    Uhr
  • Kategorie

    Vortrag
  • ReferentIn

    Prof. Dr. Stephan Mühlig

    Psychologischer Psychotherapeut, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Chemnitz


In einigen Bundesländern (Sachsen, Bayern) hat der Konsum von Methamphetamin („Crystal Meth“) innerhalb weniger Jahre sprunghaft zugenommen, mit steigender Tendenz vor allem in den neuen Bundesländern. Mittlerweile beträgt der Anteil von Crystal unter allen beschlagnahmten illegalen Drogen in den südöstlichen Bundesländen bis zu 90%.

Die Suchthilfeeinrichtungen in Sachsen verzeichnen in den letzten Jahren einen alarmierenden Zuwachs der Fälle aufgrund von Sucht- bzw. Folgeproblemen im Zusammenhang mit Crystal (Verdreifachung von 2009-2014), die inzwischen über zwei Drittel (67%) aller Beratungsfälle im Bereich der illegalen Drogen ausmachen (> 4.100 Personen). Der Anteil der stationären Einweisungen aufgrund von psychischen und Verhaltensstörungen durch Stimulanzien (in erster Linie Methamphetamin) hat sich im selben Zeitraum sogar fast verzehnfacht und macht unter den illegalen Drogen mehr als die Hälfte aus (Sächsischer Suchtbericht, SLS 2015). In Bezug auf die Inanspruchnahme des Suchthilfesystems unter den Insassen der sächsischen JVA spielen unter den Hauptdiagnosen im Bereich der illegalen Drogen (n=1.825) die Stimulanzien mit 67% (davon 97% Methamphetamin) ebenfalls die dominierende Rolle (>30% aller Inhaftierten).

Crystal kann zu akuten Intoxikationen mit u.U. letalen Folgen oder dauerhaft zu diversen Organschädigungen führen. Die psychischen Folgen des riskanten bzw. chronischen Crystal-Konsums reichen von sexueller Enthemmung und Hochrisikoverhalten, Gewaltdurchbrüchen, substanzinduzierten Psychosen bis hin zu irreversiblen neurokognitiven Schäden und Behinderungen. Ein besonderes Problem stellt die starke Zunahme von pränatalen Schäden und neonatalen Entzugssyndromen in Folge des Konsums der Mutter während der Schwangerschaft dar. Diesem eklatant wachsenden Versorgungsproblem steht bislang eine teilweise defizitäre wissenschaftliche Befundlage bezüglich der wahren Prävalenz des (kontrollierten/unauffälligen) Crystalkonsums, der Konsumpfade (Probier-, Gelegenheits-, Problem- bis Suchtkonsum) sowie hinsichtlich evaluierter Präventionsmaßnahmen und evidenzbasierter Therapieangebote gegenüber.

In dem Vortrag wird vor dem Hintergrund der neu entwickelten S3-Leitlinie „Methampetamin-bezogene Störungen“ der aktuelle Kenntnisstand zu den spezifischen Wirkmechanismen, Konsumformen, Risikofaktoren, Störungsverläufen und Konsumfolgen sowie zu Interventions- und Therapiemethoden überblicksartig dargestellt. Abschließend sollen insbesondere die Lücken und Defizite in der Versorgung sowie die unbeantworteten Forschungsfragen benannt und die künftigen Entwicklungsperspektiven skizziert werden.