Wirkungen und Nebenwirkungen der Psychotherapie: Was passiert, nachdem der Stein ins Rollen kommt? – Eine verfahrenstranszendierende Betrachtung (Plenarvortrag)


  • Datum

  • Uhrzeit

    Uhr
  • Kategorie

    Vortrag
  • ReferentIn

    Prof. Dr. Jürgen Hoyer

    Psychologischer Psychotherapeut, Professor für Behaviorale Psychotherapie an der TU Dresden


Darüber, welche Wirkmechanismen tatsächlich zu psychotherapeutischer Veränderung führen, wissen wir weniger als wir glauben. Wir wissen aber auch nicht genug über die Folgen der Psychotherapie. In den letzten Jahren ist die Bedeutung potentieller Nebenwirkungen zunehmend erkannt worden. Dabei wurden positive Nebenwirkungen aber zu Unrecht ausgeklammert. Wir postulieren, dass Psychotherapie nicht nur Symptome reduziert, sondern darüber hinaus Erlebens- und Verhaltensweisen fördert, die einer positiv definierten psychischen Gesundheit entsprechen. Als Beispiele positiver Nebenwirkungen der Psychotherapie sehen wir die stabile Verbesserung des psychischen Wohlbefindens und des Gesundheitsverhaltens, die Verbesserung körperlicher Parameter (z.B. des Immunsystems), Verbesserungen in sozialen, familiären und beruflichen Bereichen sowie einen Zuwachs an psychologischen Kompetenzen und Resilienzfaktoren. Für alle diese Bereiche zitieren wir neuere Studien, unter anderem eine eigene Interviewstudie mit ehemaligen Patienten.

Die Ergebnisse der Studien legen nahe, dass positive Begleiterscheinungen eher die Regel als die Ausnahme sind und insbesondere in Studien zur vergleichenden Wirksamkeitsforschung der Psychotherapie systematisch erfasst werden sollten. Auch fordern wir Forschungsdesigns, die prüfen, ob und welche positiven Nebenwirkungen spezifisch sind, d.h. nach der Psychotherapie stärker ausgeprägt als nach anderen Interventionen (Selbsthilfe, medizinische Behandlung, etc.). Eine derartige Forschungsperspektive sollte letztlich auch wichtige sozialpolitische Argumente liefern, insbesondere gegen die ungerechtfertigt kritische Risikobewertung ehemaliger Psychotherapiepatienten durch private Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherungen.